Warum Twitters 280 Zeichen Behörden und ihren Followern nützen

canva_twitterAls Twitter vor einigen Monaten ankündigte, einen Testlauf mit wenigen freigeschalteten Nutzern starten zu wollen, die von nun an mit 280 statt 140 Zeichen twittern konnten, war der Aufschrei unter langjährigen Nutzern groß. Ob das geliebte Netzwerk mit dem blauen Vogel dadurch nicht sein einziges Alleinstellungsmerkmal verlieren würde? Nun ist aus dem Test Ernst geworden: Seit einer Woche können alle Twitter-Nutzer 280 Zeichen lange Tweets posten. Es gibt immer noch viel Kritik. Mein Standpunkt (nach wie vor): Für Behörden und ihre Follower ist die Neuerung eine Gute. 

Definitiv liegt die Stärke von Twitter darin, dass es ein Kurznachrichtendienst, ein so genannter „Microblog“ ist. Im Gegensatz zu Facebook erhalten wir Nachrichten chronologisch und in Echtzeit und können das Wichtigste schnell durchgehen. Die 280 Zeichen ändern meiner Meinung nach aber nichts wesentliches daran: Noch immer kann man (anders als bei Facebook) keine ausführlichen „Geschichten“ oder Abhandlungen in einen einzelnen Beitrag packen. Sondern man muss sich pointiert äußern und/oder für weitere Ausführungen einen Link setzen. Und das ist auch gut so.

280 Zeichen: Die Twitter-Reform?

Twitter hat sich in den letzten Jahren stets durch behutsame Änderungen hervorgetan, die dem Nutzer etwas brachten, ohne die „Grundregeln“ infrage zu stellen. So wurden beispielsweise Fotos vergrößert, Live-Video eingeführt und die Möglichkeit geschaffen, Retweets einen eigenen Text beizufügen. Auch das 140-Zeichen-Limit (anno 2006 eingeführt aus rein technischen Gründen, um in eine SMS zu passen) wurde in der Vergangenheit schon weniger streng gehandhabt: Seit längerem werden für Fotos und Videos sowie für Markierungen in Fotos keine Zeichen mehr abgezogen, für Links unabhängig von der Länge „nur“ 23 Zeichen. Und für persönliche Nachrichten wurde es schon vor rund zwei Jahren komplett aufgehoben.

Unstreitig ist die Erhöhung des Zeichenlimits bei Tweets eine kleine Reform für das Netzwerk. Meiner Meinung nach aber sinnvoll: Die 280 Zeichen helfen gerade in der deutschen (Behörden-)Sprache dabei, die eigene Botschaft so zu formulieren, dass sie verständlich ist und nicht zwanghaft Wichtiges auslässt – insbesondere auch im Community Management. 

Na klar: Es hat Spaß gemacht und war fast schon ein „Sport“, an einem Tweet so lange zu feilen (manchmal mit mehreren gemeinsam in der Redaktion), bis die Botschaft tatsächlich irgendwie in 140 Zeichen passte. Welches Wort konnte man noch streichen, ohne den Sinn zu entstellen? Konnte man sich noch einen Hashtag „leisten“ oder nicht? Musste man Wörter durch Emojis ersetzen, um Platz zu sparen? Das war eine schöne Herausforderung. Der Qualität des Tweets bzw. des Inhalts war sie aber nicht immer zuträglich.

Bild-Text-Grafiken als Umgehungsmöglichkeit

Wenn wir ehrlich sind, haben wir auch schon seit langem „Umgehungslösungen“ genutzt, um eben doch „mehr“ zu schreiben. Genannt seien die berühmten Text-Grafiken, die unter den deutschen Behörden meiner Erinnerung nach das Auswärtige Amt eingeführt hat:

Wir anderen Behörden haben die Idee begeistert kopiert, und mittlerweile kommt kaum eine Behörde, ein Medien- oder Unternehmensaccount ohne sie aus. Eine sehr beliebte Form der Text-Grafik ist die Zitat-Grafik:

Außerdem verpacken wir Infos auch gerne in einem erklärenden und gleichzeitig ins Auge stechenden und gut teilbaren „Sharepic“ (hier gefallen mir oftmals die des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales sehr gut):

Ohne Text-Kachel „geht“ es als Behörde oft nicht, da man den Inhalt sonst nur „verstümmelt“ und unverständlich rüberbringen kann. Text-Grafiken machen aber nicht nur mehr Arbeit als normale Tweets (dann hinderlich, wenn es schnell gehen soll), sondern sind auch nicht barrierefrei. Sehbehinderte können sie im Gegensatz zu normalen Tweets schließlich nicht „lesen“ bzw. sich vorlesen lassen. Hier hat Twitter zwar nachgebessert und eingeführt, dass man einen entsprechenden „Alt-Text“ (Bildbeschreibung) hinzufügen kann. Leider reicht der Platz aber oftmals nicht für den ganzen in der Grafik untergebrachten Text aus, außerdem ist das Feature umständlich zu bedienen, gerade wenn man von einem Mobilgerät aus twittert (dann muss man nämlich den ganzen Text manuell eingeben).

Zwar werden Bild-Text-Grafiken allein wegen ihrer Auffälligkeit und Attraktivität/Teilbarkeit auch weiterhin Hochkonjunktur haben, dennoch könnte sich ab sofort öfter die Chance ergeben, eine Nachricht direkt im Tweet verständlich zu machen. Diese Vielfalt an Möglichkeiten ist gut für die redaktionelle Arbeit!

280 Zeichen verbessern den Bürgerservice

Noch viel wertvoller ist das „neue“ Zeichenlimit aber im Community Management über Twitter, also im direkten Dialog mit dem Nutzer. Es versteht sich von selbst, dass man Bürgern mit ernsthaften Fragen nicht immer „abgehackt“, also in 140 Zeichen, antworten kann. Antworten sahen deshalb bislang öfter mal so (oder schlimmer) aus:

Mit dem neuen Zeichenlimit kann die Antwort aus diesem Beispiel nun direkt und übersichtlich in einem Tweet gegeben werden – für den (Bürger-)Service eine tolle Sache und damit auch eine Chance für Behörden, besseren Nutzerdialog als bislang über Twitter zu leisten.

Falls Sie zu den nicht wenigen Ämtern gehören, die sich in Sachen Bürgerdialog bislang recht einseitig auf Facebook gestützt haben, ist jetzt der Moment, das Fragen & Antworten aktiv auf Twitter auszuweiten! Die Verbesserung des Dialogs mit Bürgern, Journalisten und anderen Protagonisten über Twitter ist für mich das Hauptargument, die 280 Zeichen gut zu finden.

Wie Behörden die 280 Zeichen-Regelung aufgenommen haben

Selbstironie schadet nie: Viele Ämter twitterten am Einführungstag unter den Hashtag #280Zeichen und #twitter280, was sie von der Neuerung halten – nicht ohne Augenzwingern ;-). Hier ein paar Eindrücke:

 

Sind wir jetzt wunschlos glücklich?

Die Erhöhung des Zeichenlimits wurde in den letzten Monaten in der Twitter-Gemeinde (sprich: unter langjährigen Nutzern auf Twitter) rege diskutiert. Dabei kamen auch andere Vorschläge auf, was Twitter ändern sollte. Besonders oft wurde gewünscht, dass Twitter das nachträgliche Korrigieren von Tweets (bei Facebook-Beiträgen ist das bereits seit längerem möglich) erlauben möge. Das wiederum würde für mich an den Grundfesten von Twitter rütteln, denn: Das Netzwerk lebt von spontanen, oft auch impulsiven Reaktionen und entsprechenden Tweets. Könnte man jeden Beitrag nachträglich (auch inhaltlich) „glätten“, wäre das Netzwerk für mich weniger authentisch und weniger spannend!

Praxistipp:
Um ärgerliche Rechtschreibfehler zu vermeiden, die man manchmal partout erst „sieht“, nachdem man den Tweet abgeschickt hat, empfehle ich ein 4-Augen-Prinzip im Team. Gilt natürlich auch für inhaltliche Fehler – vier Augen sehen immer mehr als zwei.

Was meinen Sie?

Jetzt sind Sie dran: Wie finden Sie die Zeichen-Erhöhung? Welche Erfahrungen haben Sie in der ersten Woche gemacht? Welche gewünschte Twitter-Funktion vermissen Sie noch?

Schreiben Sie es hier in die Kommentare oder melden Sie sich über Twitter oder Facebook bei mir. Ich bin gespannt und freue mich auf den Austausch!

Ihre
Christiane Germann

(Bild: shutterstock.com/pikcha)

 

 

 

Kategorien:Basics

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